Neurofeedback bei ADHS: Was die Studien zeigen
Worum es geht
ADHS ist eine Diagnose, die Ärztinnen, Ärzte oder Psychologinnen und Psychologen stellen. Typische Merkmale sind Schwierigkeiten mit der Aufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität. Als am häufigsten eingesetzte und anerkannte Behandlungen gelten Stimulanzien und Verhaltenstherapie (Arns et al., 2020).
Neurofeedback setzt an der Hirnaktivität an: Ein EEG misst sie in Echtzeit, und ein Bildschirm oder Ton meldet zurück, wenn ein bestimmtes Aktivitätsmuster erreicht wird. Über Wiederholung soll das Gehirn lernen, dieses Muster häufiger herzustellen. ADHS ist das Anwendungsgebiet, zu dem es mit Abstand am meisten Forschung gibt. Gerade deshalb lohnt sich ein genauer Blick darauf, was die Studien tatsächlich zeigen.
Wie es in der Praxis abläuft
In der Forschung zu ADHS werden vor allem drei sogenannte Standardprotokolle untersucht (Arns et al., 2020):
- Theta/Beta-Training: Das Verhältnis von langsamer Theta- zu schnellerer Beta-Aktivität soll sinken.
- SMR-Training: Der sensomotorische Rhythmus, ein Muster, das mit ruhiger Wachheit verbunden ist, soll zunehmen. Mehr dazu im Beitrag zu SMR-Neurofeedback.
- SCP-Training: Trainiert werden langsame kortikale Potenziale, also sehr langsame Verschiebungen der Hirnaktivität.
Ein Training umfasst in den Studien meist viele Sitzungen über mehrere Wochen bis Monate. Neurofeedback stellt keine Diagnose, und es ersetzt keine Abklärung. Bei BRAINLI arbeiten wir ergänzend zur ärztlichen Behandlung und in Absprache mit der behandelnden Fachperson.
Was die Forschung zeigt
Wie gut Neurofeedback bei ADHS abschneidet, hängt vor allem davon ab, wer die Verbesserung beurteilt. Das ist der Kern der Debatte.
Beurteilung durch Eltern und Lehrpersonen, die wussten, wer trainiert: Hier zeigen sich meist mittlere Verbesserungen. Eine Meta-Analyse über zehn Studien fand, dass die von Eltern eingeschätzten Verbesserungen auch zwei bis zwölf Monate nach dem Training anhielten und dass Neurofeedback dabei besser abschnitt als nicht aktive Kontrollbedingungen (Van Doren et al., 2019). Eine Autorengruppe aus der Neurofeedback-Forschung stufte Standardprotokolle auf dieser Grundlage als gut etabliertes Verfahren ein, mit mittleren bis grossen Effekten, Remissionsraten von 32 bis 47 Prozent und ohne Hinweise auf Publikationsbias (Arns et al., 2020).
Verblindete Beurteilung: Hier sieht es anders aus. Schon 2016 fand die Europäische ADHS-Leitliniengruppe in 13 Studien mit 520 Kindern und Jugendlichen zwar Verbesserungen bei den am wenigsten verblindeten Einschätzungen, aber keine signifikanten Effekte, wenn die Beurteilenden wahrscheinlich nicht wussten, wer trainiert hatte, oder wenn gegen eine aktive oder Schein-Kontrollbedingung verglichen wurde (Cortese et al., 2016). Die bisher grösste Meta-Analyse derselben Gruppe umfasst 38 randomisierte Studien mit 2472 Teilnehmenden zwischen 5 und 40 Jahren (Westwood et al., 2025):
- Bei verblindeten Beurteilungen der ADHS-Symptome zeigte sich insgesamt kein signifikanter Unterschied.
- Beschränkt auf Studien mit Standardprotokollen ergab sich eine kleine, signifikante Verbesserung.
- Von fünf neuropsychologischen Messgrössen verbesserte sich nur die Verarbeitungsgeschwindigkeit, und auch das nur leicht.
- Die Autorinnen und Autoren folgern, dass die Daten Neurofeedback nicht als alleinige ADHS-Behandlung stützen.
Die grösste doppelt verblindete Einzelstudie: 142 Kinder von 7 bis 10 Jahren erhielten entweder echtes Theta/Beta-Training oder ein täuschend echtes Scheintraining (Neurofeedback Collaborative Group, 2021). Beide Gruppen verbesserten sich deutlich, echtes Neurofeedback war dem Scheintraining aber weder am Ende des Trainings noch 13 Monate später signifikant überlegen. Als Nebenbefund benötigte die Neurofeedback-Gruppe bei der Nachuntersuchung weniger Medikamente.
Verträglichkeit: In den Studien wurden keine nennenswerten neurofeedbackspezifischen unerwünschten Wirkungen berichtet (Arns et al., 2020). In der doppelt verblindeten Studie verteilten sich unerwünschte Ereignisse gleichmässig auf beide Gruppen (Neurofeedback Collaborative Group, 2021).
Wo die Evidenz dünn oder offen ist
- Echte Wirkung oder Rahmen? Dass sich in der doppelt verblindeten Studie beide Gruppen deutlich verbesserten, zeigt, wie viel unspezifische Faktoren ausmachen: Zuwendung, Erwartung, Routine, die Aufmerksamkeit einer Fachperson. Welcher Anteil auf das eigentliche Feedback entfällt, ist die offene Frage.
- Protokolle: Die günstigeren Ergebnisse gelten für Standardprotokolle. Für viele andere Verfahren, die in Praxen angeboten werden, ist die Datenlage deutlich dünner (Arns et al., 2020).
- Langzeiteffekte: Nachbeobachtungen reichen meist nur bis zu zwölf Monaten und beruhen oft auf Einschätzungen der Eltern (Van Doren et al., 2019).
- Erwachsene: Der grösste Teil der Forschung stammt von Kindern. In der grossen Meta-Analyse änderten sich die Ergebnisse allerdings kaum, wenn Erwachsene ausgeschlossen wurden (Westwood et al., 2025).
- Uneinigkeit in der Fachwelt: Autorengruppen kommen je nach gewählten Messgrössen zu unterschiedlichen Schlüssen. Die Frage, welche Beurteilung die aussagekräftigste ist, wird weiterhin diskutiert.
Was das für dich bedeutet
Nach heutigem Stand ist Neurofeedback bei ADHS keine Alternative zu einer ärztlich verordneten Behandlung. Die strengsten Auswertungen zeigen auf Gruppenebene keinen oder nur einen kleinen Vorteil gegenüber Kontrollbedingungen. Das heisst nicht, dass niemand profitiert, aber es heisst, dass niemand einen Erfolg versprechen kann.
Wenn du ein Training in Erwägung ziehst:
- Sprich es mit deiner behandelnden Fachperson ab und verändere eine laufende Behandlung nie auf eigene Faust.
- Frag nach dem Protokoll: Wird mit einem der untersuchten Standardprotokolle gearbeitet?
- Frag nach der Messung des Verlaufs: Wie wird festgehalten, ob sich etwas verändert? Einschätzungen von Personen, die nicht direkt beteiligt sind, zum Beispiel von Lehrpersonen, sind aussagekräftiger als der eigene Eindruck.
- Plane realistisch: Ein Training braucht Zeit und Geld, und das Ergebnis ist offen.
- Frag nach Ausbildung und Registrierungen der Fachperson, die das Training durchführt.
BRAINLI stellt keine Diagnosen. Wenn du eine Diagnose hast oder in Behandlung bist, sag uns das im Erstgespräch.
Setze eine verordnete Medikation nie eigenmächtig ab und verschiebe keine notwendige Behandlung, um stattdessen Neurofeedback oder Biofeedback zu machen. Besprich es bei einer bestehenden Diagnose bitte vorher mit deiner behandelnden Fachperson.
Quellen
- Westwood SJ, Aggensteiner PM, Kaiser A, Nagy P, Donno F, Merkl D, Balia C, Goujon A, Bousquet E, Capodiferro AM, Derks L, Purper-Ouakil D, Carucci S, Holtmann M, Brandeis D, Cortese S, Sonuga-Barke EJS (2025): Neurofeedback for Attention-Deficit/Hyperactivity Disorder: A Systematic Review and Meta-Analysis. JAMA Psychiatry, 82(2), 118–129. doi:10.1001/jamapsychiatry.2024.3702 PMID 39661381
- Cortese S, Ferrin M, Brandeis D, Holtmann M, Aggensteiner P, Daley D, Santosh P, Simonoff E, Stevenson J, Stringaris A, Sonuga-Barke EJS (2016): Neurofeedback for Attention-Deficit/Hyperactivity Disorder: Meta-Analysis of Clinical and Neuropsychological Outcomes From Randomized Controlled Trials. Journal of the American Academy of Child and Adolescent Psychiatry, 55(6), 444–455. doi:10.1016/j.jaac.2016.03.007
- Neurofeedback Collaborative Group (Arnold LE et al.) (2021): Double-Blind Placebo-Controlled Randomized Clinical Trial of Neurofeedback for Attention-Deficit/Hyperactivity Disorder With 13-Month Follow-up. Journal of the American Academy of Child and Adolescent Psychiatry, 60(7), 841–855. doi:10.1016/j.jaac.2020.07.906
- Van Doren J, Arns M, Heinrich H, Vollebregt MA, Strehl U, Loo SK (2019): Sustained effects of neurofeedback in ADHD: a systematic review and meta-analysis. European Child & Adolescent Psychiatry, 28(3), 293–305. doi:10.1007/s00787-018-1121-4 PMID 29445867
- Arns M, Clark CR, Trullinger M, deBeus R, Mack M, Aniftos M (2020): Neurofeedback and Attention-Deficit/Hyperactivity-Disorder (ADHD) in Children: Rating the Evidence and Proposed Guidelines. Applied Psychophysiology and Biofeedback, 45(2), 39–48. doi:10.1007/s10484-020-09455-2 PMID 32206963
Neurofeedback und Biofeedback sind bei BRAINLI Trainingsmethoden. Sie ergänzen die Schulmedizin und ersetzen keine ärztliche oder psychotherapeutische Abklärung oder Behandlung.
Dieser Beitrag dient der Information und ist keine medizinische Beratung.
