SMR-Neurofeedback: Ablauf, Anwendung und Studienlage

Was ist der sensomotorische Rhythmus?
SMR steht für sensomotorischer Rhythmus – eine Hirnwelle im Bereich von etwa 12 bis 15 Hertz, die über dem sensomotorischen Streifen abgeleitet wird, also über dem Bereich, der Bewegung und Körperwahrnehmung verarbeitet.
Charakteristisch ist, wann dieser Rhythmus auftritt: Er wird stärker, wenn die Muskulatur ruhig ist, aber die Aufmerksamkeit wach bleibt. Bewegung unterdrückt ihn. Im Alltag entspricht das dem Zustand, den man als «ruhig, aber präsent» beschreiben würde – körperlich entspannt, geistig nicht abgeschweift.
Genau dieser Zustand ist beim Training das Ziel. Nicht Tiefenentspannung, nicht Anspannung, sondern die Kombination aus beidem.
Wie ein SMR-Training abläuft
Ausgangsmessung
Zu Beginn nehmen wir deine Hirnaktivität in Ruhe auf – mit offenen und mit geschlossenen Augen. Daraus ergibt sich, wo dein SMR-Anteil liegt und wo die Schwelle sinnvollerweise gesetzt wird. Ohne diese Ausgangsmessung ist jede Schwelle geraten.
Die Rückmeldung
Während des Trainings misst das EEG laufend mit. Steigt dein SMR-Anteil über die Schwelle, läuft die Rückmeldung weiter: Ein Film spielt, ein Ton klingt, ein Balken wächst. Fällt er darunter, stockt sie. Du bekommst also innerhalb von Bruchteilen einer Sekunde eine Information über einen Zustand, den du sonst nicht wahrnehmen kannst.
Bewusst steuern lässt sich das nicht – es gibt keinen Hebel im Kopf. Was funktioniert, ist eher ein Herantasten: Du merkst mit der Zeit, welche innere Haltung die Rückmeldung laufen lässt.
Serie statt Einzelsitzung
Eine Sitzung dauert bei uns rund 50 Minuten, davon etwa 30 Minuten Training. Eine einzelne Sitzung bringt erfahrungsgemäss wenig. Deshalb planen wir von Anfang an eine Serie und ziehen nach rund fünf Sitzungen gemeinsam Zwischenbilanz.
Allgemein sind im Neurofeedback Serien von 20 bis 40 Sitzungen verbreitet; ob so viele Sitzungen nötig sind, ist allerdings umstritten (Thibault et al. 2017), und eine belegte Mindestzahl für kognitive Effekte gibt es nicht (Vernon 2005). Ob und ab wann sich kognitive Effekte spezifisch auf das Training zurückführen lassen, ist wissenschaftlich nicht geklärt.
Wofür SMR-Training eingesetzt wird
SMR gehört – neben Alpha- und SCP-Training – zu den ältesten Neurofeedback-Protokollen (Arns et al. 2015) und zählt heute zu den Standardprotokollen (Arns et al. 2014). In der Neurofeedback-Community gilt es als «Goldstandard», wenn Übererregung (Hyperarousal) angegangen werden soll (Schabus et al. 2017). Typische Anliegen, mit denen Menschen zu uns kommen:
- Innerlich nicht herunterfahren können – der Kopf läuft weiter, obwohl der Tag vorbei ist.
- Konzentration, die schnell abreisst – arbeiten geht, aber nur in kurzen Fenstern.
- Einschlafen bei laufendem Gedankenkarussell.
- Ruhig bleiben unter Druck – im Sport, bei Prüfungen, in Führungssituationen.
Wichtig zur Einordnung: Das sind Anliegen, keine Diagnosen. Wer eine Diagnose hat, gehört in ärztliche oder psychotherapeutische Betreuung.
BRAINLI stellt keine Diagnosen. Wenn du eine Diagnose hast oder in Behandlung bist, sag uns das im Erstgespräch.
Woher die Methode kommt: die Epilepsieforschung
SMR-Neurofeedback entstand nicht als Wellness-Verfahren, sondern in der Grundlagenforschung. Ende der 1960er-Jahre beobachtete Barry Sterman bei Katzen, dass sich dieser Rhythmus konditionieren lässt – und dass Tiere, die ihn trainiert hatten, gegenüber einer krampfauslösenden Substanz widerstandsfähiger reagierten (Sterman und Macdonald 1979). Daraus entwickelte sich die Anwendung bei Epilepsie – eines der ältesten und am besten etablierten Einsatzgebiete des Verfahrens (Sterman und Egner 2006).
Diese Geschichte erklärt, warum SMR bis heute zu den wichtigsten Standardprotokollen gehört. Sie ist aber kein Angebot: Epilepsie ist eine neurologische Erkrankung und gehört in fachärztliche Behandlung. Wir trainieren nicht zu diesem Zweck, und niemand sollte eine antiepileptische Medikation wegen eines Trainings verändern.
Was die Forschung zeigt – und was nicht
Hier wird es interessant, und wir halten es für wichtig, das offen zu schreiben.
Die Salzburger Forschungsgruppe um Manuel Schabus und Kerstin Hoedlmoser berichtete 2008 (bei gesunden Teilnehmenden) und 2014 (in einer Pilotstudie bei Insomnie) positive Effekte von SMR-Training auf Schlafparameter und Gedächtnisleistung (Hoedlmoser et al. 2008; Schabus et al. 2014). 2017 prüfte dieselbe Gruppe das Verfahren erneut bei Menschen mit primärer Insomnie – diesmal doppelblind (frühere Studien waren nur einfach verblindet) und im Cross-over-Design: Alle Teilnehmenden erhielten nacheinander echtes und Schein-Feedback (Schabus et al. 2017).
Das Ergebnis in drei Punkten:
- Das Lernen funktionierte. Während des echten Feedbacks steigerten die Teilnehmenden ihre SMR-Aktivität messbar – deutlich stärker als während des Schein-Feedbacks. Ausserhalb der Trainingsphasen, im Ruhe-EEG und im Schlaf, blieb das EEG allerdings unverändert.
- Objektiv änderte sich der Schlaf nicht – weder mit echtem noch mit Schein-Feedback.
- Subjektiv verbesserte er sich – aber mit echtem und mit Schein-Feedback gleichermassen.
Die Autoren schlossen daraus, dass Neurofeedback bei primärer Insomnie keine spezifische Wirkung über unspezifische Placeboeffekte hinaus zeigt und die kognitive Verhaltenstherapie bei Insomnie als Standardverfahren nicht ersetzen kann.
Bemerkenswert ist die Trennung dieser drei Befunde: Die Leute lernten tatsächlich, ihr Hirnsignal während des Trainings zu verändern – und die Verbesserung hing trotzdem nicht daran. Wenn nicht der trainierte Rhythmus wirkt, dann wirken die Umstände: viele regelmässige Termine, Aufmerksamkeit, Zuwendung, Begleitung und Erwartung (Schabus et al. 2017; Thibault et al. 2017). Ein Kommentar im selben Journal hielt es für möglich, dass Neurofeedback eine besonders wirkungsvolle Form von Placebo darstellt – «eine Art Superplacebo» (Thibault et al. 2017).
Das ist eine Studie, an einer Gruppe, zu einem Anliegen – sie lässt sich nicht auf alle Anwendungen übertragen. Aber sie stammt von einer Gruppe, die ihre eigenen früheren Positivbefunde unter strengeren Bedingungen (doppelblind, grössere klinische Stichprobe) nicht bestätigen konnte, und das macht sie besonders ernst zu nehmen. Wie sich das Gesamtbild darstellt, haben wir im Beitrag zur Studienlage zusammengefasst.
Was du realistisch erwarten kannst
Menschen berichten nach einer SMR-Serie häufig, ruhiger zu sein und länger fokussiert arbeiten zu können. Diese Erfahrung ist echt. Ob sie am trainierten Rhythmus liegt oder an allem, was ihn begleitet, wissen wir nicht – und behaupten es deshalb auch nicht.
Was wir tun: Wir erfassen deinen Verlauf systematisch und legen ihn dir nach jeder Sitzung offen – auch wenn er flach bleibt. Bewegt sich nach der Zwischenbilanz nichts, sagen wir das und raten gegebenenfalls ab. Bei Schlafproblemen weisen wir ausdrücklich darauf hin, dass die kognitive Verhaltenstherapie bei Insomnie (KVT-I) laut europäischer Leitlinie die empfohlene Erstlinienbehandlung bei chronischer Insomnie im Erwachsenenalter ist (Riemann et al. 2023).
Setze eine verordnete Medikation nie eigenmächtig ab und verschiebe keine notwendige Behandlung, um stattdessen Neurofeedback oder Biofeedback zu machen. Besprich es bei einer bestehenden Diagnose bitte vorher mit deiner behandelnden Fachperson.
Quellen
- Schabus M, Griessenberger H, Gnjezda MT, Heib DPJ, Wislowska M, Hoedlmoser K (2017): Better than sham? A double-blind placebo-controlled neurofeedback study in primary insomnia. Brain 140(4), 1041–1052. doi:10.1093/brain/awx011 PMID 28335000
- Thibault RT, Lifshitz M, Raz A (2017): Neurofeedback or neuroplacebo? Brain 140(4), 862–864. Kommentar zu Schabus et al. (2017). doi:10.1093/brain/awx033 PMID 28375458
- Hoedlmoser K, Pecherstorfer T, Gruber G, Anderer P, Doppelmayr M, Klimesch W, Schabus M (2008): Instrumental conditioning of human sensorimotor rhythm (12–15 Hz) and its impact on sleep as well as declarative learning. Sleep 31(10), 1401–1408. doi:10.5665/sleep/31.10.1401 PMID 18853937
- Schabus M, Heib DP, Lechinger J, Griessenberger H, Klimesch W, Pawlizki A, Kunz AB, Sterman BM, Hoedlmoser K (2014): Enhancing sleep quality and memory in insomnia using instrumental sensorimotor rhythm conditioning. Biological Psychology 95, 126–134. doi:10.1016/j.biopsycho.2013.02.020 PMID 23548378
- Sterman MB, Macdonald LR (1979): Effects of Central Cortical EEG Feedback Training on Incidence of Poorly Controlled Seizures. In: Mind/Body Integration, Springer, 347–362. doi:10.1007/978-1-4613-2898-8_30
- Sterman MB, Egner T (2006): Foundation and practice of neurofeedback for the treatment of epilepsy. Applied Psychophysiology and Biofeedback 31(1), 21–35. doi:10.1007/s10484-006-9002-x PMID 16614940
- Arns M, Heinrich H, Strehl U (2014): Evaluation of neurofeedback in ADHD: the long and winding road. Biological Psychology 95, 108–115. doi:10.1016/j.biopsycho.2013.11.013 PMID 24321363
- Vernon DJ (2005): Can neurofeedback training enhance performance? An evaluation of the evidence with implications for future research. Applied Psychophysiology and Biofeedback 30(4), 347–364. doi:10.1007/s10484-005-8421-4 PMID 16385423
- Riemann D, Espie CA, Altena E, Arnardottir ES, Baglioni C, Bassetti CLA, Bastien C, Berzina N, et al. (2023): The European Insomnia Guideline: An update on the diagnosis and treatment of insomnia 2023. Journal of Sleep Research 32(6), e14035. doi:10.1111/jsr.14035 PMID 38016484
- Arns M, Heinrich H, Ros T, Rothenberger A, Strehl U (2015): Editorial: Neurofeedback in ADHD. Frontiers in Human Neuroscience 9, 602. Beschreibt die ersten Berichte zur operanten Konditionierung des EEG: Alpha (Kamiya 1968), langsame Potenziale/SCP (McAdam 1966) und SMR (Sterman 1968). doi:10.3389/fnhum.2015.00602 PMID 26578942
Neurofeedback und Biofeedback sind bei BRAINLI Trainingsmethoden. Sie ergänzen die Schulmedizin und ersetzen keine ärztliche oder psychotherapeutische Abklärung oder Behandlung.
Dieser Beitrag dient der Information und ist keine medizinische Beratung.
