Ausschnitt einer EKG-Aufzeichnung auf Millimeterpapier

Worum es geht

Atmung, Herzschlag, Durchblutung, Hautleitwert, Muskelspannung – dein Körper sendet ständig Signale über deinen Zustand. Beim Biofeedback machen wir sie sichtbar, in Echtzeit, auf einem Bildschirm vor dir.

Fachlich ist Biofeedback ein Lernprozess, kein Eingriff – vergleichbar damit, ein Instrument zu lernen. Du handelst, siehst unmittelbar das Ergebnis, wiederholst. Ziel ist, dass du das Gerät mit der Zeit nicht mehr brauchst, weil du die inneren Signale selbst erkennst – Selbstregulation, also Kontrolle ohne Rückmeldung von aussen (Kondo et al. 2019).

Wie es in der Praxis abläuft

Welche Signale wir nutzen, entscheidet sich nach dem Erstgespräch und der Ausgangsmessung; was wir messen und wie eine Sitzung abläuft, beschreiben wir auf der Seite Biofeedback & HRV-Training. Für die wichtigsten Kanäle sind die physiologischen Grundlagen gut beschrieben:

  • Atmung und Herzschlag: Beim Einatmen beschleunigt sich der Herzschlag, beim Ausatmen verlangsamt er sich (Yasuma und Hayano 2004; Lehrer und Gevirtz 2014). Atmest du in deiner individuellen Resonanzfrequenz – bei Erwachsenen meist zwischen etwa 4,5 und 6,5 Atemzügen pro Minute, bei Kindern höher (etwa 6,5 bis 9,5) –, verstärkt sich dieser Wechsel deutlich (Lehrer und Gevirtz 2014; Shaffer und Meehan 2020). Diese Frequenz messen wir aus und trainieren sie.
  • Atmung als Zugang: Die Atmung nimmt unter den autonomen Funktionen eine Sonderstellung ein: Sie läuft automatisch ab, lässt sich aber jederzeit auch bewusst steuern (Butler 2007; Betka et al. 2022).
  • Hautleitwert (EDA): Die Aktivität der Schweissdrüsen ändert sich innerhalb von Sekunden und ist ein Indikator sympathischer Aktivierung (Critchley 2002; Benedek und Kaernbach 2010).
  • Hauttemperatur: Kalte Finger sind ein klassisches Anspannungszeichen (Kistler et al. 1998; Vinkers et al. 2013).

Was die Forschung zeigt

Biofeedback wird seit den 1960er-Jahren untersucht, und die Studienlage ist je nach Anwendungsgebiet sehr unterschiedlich. Eine Übersichtsarbeit im Journal of General Internal Medicine (Kondo et al. 2019; Volltext, englisch, frei zugänglich) hat sechzehn hochwertige systematische Reviews ausgewertet und die Befunde nach Anwendungsgebiet geordnet.

Am besten belegt ist die Wirkung bei Migräne und Spannungskopfschmerz sowie als ergänzende Massnahme bei Harninkontinenz nach einer Prostataoperation. Für Stuhlinkontinenz und für Aktivitäten wie Stehen und Gehen nach einem Schlaganfall (jeweils ergänzend zu anderen Therapien) sprechen die Daten aus einer kleineren Zahl von Studien ebenfalls für einen Nutzen. Für Bluthochdruck fanden die Autorinnen und Autoren keinen belastbaren Beleg – die Studien dazu sind allerdings klein und methodisch schwach.

Wir nennen diese Befunde, weil sie den ehrlichen Rahmen abstecken.

BRAINLI stellt keine Diagnosen. Wenn du eine Diagnose hast oder in Behandlung bist, sag uns das im Erstgespräch.

Wo die Evidenz dünn oder offen ist

Für eine ganze Reihe weiterer Anwendungen – etwa Bruxismus oder Raynaud – reichen die vorliegenden Studien für eine Aussage nicht aus (Kondo et al. 2019).

Auch die Übersicht selbst hat Grenzen: Sie hat nur kontrollierte Studien mit Erwachsenen berücksichtigt und nach medizinischen Diagnosen gefragt, nicht nach Anliegen wie Stress. Übersichtsarbeiten zum HRV-Biofeedback waren nicht eingeschlossen, und die Literatursuche endete im September 2018.

Anliegen, mit denen Menschen zu uns kommen – Fokus, Erholung, Umgang mit Anspannung –, hat diese Übersicht deshalb nicht untersucht; wie gut sie im Vergleich belegt sind, lässt sich daraus nicht ableiten. Studien zum HRV-Biofeedback bei Stress und Anspannung ordnen wir im Beitrag Nützt Neurofeedback? – Eine evidenzbasierte Betrachtung ein.

Was das für dich bedeutet

Deshalb versprechen wir kein Ergebnis, sondern zeigen dir deine eigenen Messwerte und überlassen dir die Beurteilung. Wie eine Sitzung bei uns abläuft und womit wir messen, steht auf der Seite Biofeedback & HRV-Training.

Setze eine verordnete Medikation nie eigenmächtig ab und verschiebe keine notwendige Behandlung, um stattdessen Neurofeedback oder Biofeedback zu machen. Besprich es bei einer bestehenden Diagnose bitte vorher mit deiner behandelnden Fachperson.

Quellen

  1. Kondo K, Noonan KM, Freeman M, Ayers C, Morasco BJ, Kansagara D (2019): Efficacy of Biofeedback for Medical Conditions: an Evidence Map. Journal of General Internal Medicine 34(12), 2883–2893. Volltext frei zugänglich (englisch): PubMed Central, PMC6854143. doi:10.1007/s11606-019-05215-z PMID 31414354
  2. Yasuma F, Hayano J (2004): Respiratory sinus arrhythmia: why does the heartbeat synchronize with respiratory rhythm? Chest 125(2), 683–690. doi:10.1378/chest.125.2.683 PMID 14769752
  3. Lehrer PM, Gevirtz R (2014): Heart rate variability biofeedback: how and why does it work? Frontiers in Psychology 5, 756. doi:10.3389/fpsyg.2014.00756 PMID 25101026
  4. Shaffer F, Meehan ZM (2020): A Practical Guide to Resonance Frequency Assessment for Heart Rate Variability Biofeedback. Frontiers in Neuroscience 14, 570400. Zum Artikel gibt es ein Korrigendum (PMID 33424548); es betrifft die hier zitierten Bereiche der Resonanzfrequenz nicht. doi:10.3389/fnins.2020.570400 PMID 33117119
  5. Butler JE (2007): Drive to the human respiratory muscles. Respiratory Physiology & Neurobiology 159(2), 115–126. doi:10.1016/j.resp.2007.06.006 PMID 17660051
  6. Betka S, Adler D, Similowski T, Blanke O (2022): Breathing control, brain, and bodily self-consciousness: Toward immersive digiceuticals to alleviate respiratory suffering. Biological Psychology 171, 108329. doi:10.1016/j.biopsycho.2022.108329 PMID 35452780
  7. Critchley HD (2002): Electrodermal responses: what happens in the brain. The Neuroscientist 8(2), 132–142. doi:10.1177/107385840200800209 PMID 11954558
  8. Benedek M, Kaernbach C (2010): A continuous measure of phasic electrodermal activity. Journal of Neuroscience Methods 190(1), 80–91. doi:10.1016/j.jneumeth.2010.04.028 PMID 20451556
  9. Kistler A, Mariauzouls C, von Berlepsch K (1998): Fingertip temperature as an indicator for sympathetic responses. International Journal of Psychophysiology 29(1), 35–41. doi:10.1016/s0167-8760(97)00087-1 PMID 9641246
  10. Vinkers CH, Penning R, Hellhammer J, Verster JC, Klaessens JH, Olivier B, Kalkman CJ (2013): The effect of stress on core and peripheral body temperature in humans. Stress 16(5), 520–530. doi:10.3109/10253890.2013.807243 PMID 23790072

Neurofeedback und Biofeedback sind bei BRAINLI Trainingsmethoden. Sie ergänzen die Schulmedizin und ersetzen keine ärztliche oder psychotherapeutische Abklärung oder Behandlung.

Dieser Beitrag dient der Information und ist keine medizinische Beratung.