Von Hand gezeichnetes Liniendiagramm auf Papier, daneben Lineal und Stifte

Was Neurofeedback ist – und was nicht

Beim Neurofeedback wird die Hirnaktivität per EEG aufgezeichnet und in Echtzeit zurückgemeldet – über eine Animation, Musik oder einen Film. Erreichen die gemessenen Werte den angestrebten Bereich, läuft die Rückmeldung weiter. Über viele Wiederholungen soll daraus Selbstregulation werden.

Wichtig ist die Einordnung: Es wird nichts ins Gehirn eingebracht, es fliesst kein Strom, es wird nichts stimuliert.

Neurofeedback und Biofeedback sind bei BRAINLI Trainingsmethoden. Sie ergänzen die Schulmedizin und ersetzen keine ärztliche oder psychotherapeutische Abklärung oder Behandlung.

BRAINLI stellt keine Diagnosen. Wenn du eine Diagnose hast oder in Behandlung bist, sag uns das im Erstgespräch.

Warum die Kontrollgruppe so viel entscheidet

Wer Studien zu Neurofeedback liest, stösst auf sehr unterschiedliche Ergebnisse. Ein wichtiger Grund liegt in der Vergleichsgruppe – und diesen Punkt sollte man verstehen, bevor man irgendeine Zahl bewertet.

  • Warteliste: Die Vergleichsgruppe bekommt nichts. Eine Verbesserung zeigt hier nur, dass irgendetwas besser ist als nichts – Zuwendung, Struktur und Erwartung eingeschlossen.
  • Aktive Kontrolle: Die Vergleichsgruppe macht etwas anderes, etwa Sport oder Muskelentspannungs-Biofeedback. Das ist schon aussagekräftiger.
  • Sham (Schein-Neurofeedback): Die Vergleichsgruppe sitzt im identischen Setting und bekommt eine Rückmeldung, die aber nicht an ihre eigene Hirnaktivität gekoppelt ist. Erst dieser Vergleich zeigt, ob das Signal wirkt oder das Drumherum.

Eine Metaanalyse bei ADHS (Van Doren et al. 2019, Elternurteile) zeigt: Gegenüber nicht-aktiven Kontrollen (Warteliste und übliche Behandlung, aber auch Sham-, kognitives oder Bewegungstraining) war Neurofeedback bei der Unaufmerksamkeit im Vorteil (SMD 0.38 nach Behandlungsende), gegenüber aktiven Behandlungen – überwiegend Methylphenidat – schnitt es direkt nach Behandlungsende schlechter ab (SMD −0.44); bei der Nachuntersuchung war dieser Unterschied nicht mehr signifikant.

Je fairer der Vergleich, desto kleiner der Effekt – das zeigt sich zum Beispiel bei der Aufmerksamkeit (siehe unten). Wir lesen das als Hinweis auf eine Wirkung, die zu einem erheblichen Teil unspezifisch ist.

Was vergleichsweise gut belegt ist

Aufmerksamkeit und Konzentration

Aufmerksamkeit gehört zu den am häufigsten untersuchten Anwendungsfeldern: Allein bei gesunden Erwachsenen fand eine systematische Übersicht 41 randomisierte Studien (Kimura et al. 2024). In ihrer Metaanalyse (15 randomisierte Studien, 569 Teilnehmende) zeigte sich ein kleiner, aber signifikanter Gesamteffekt auf die Aufmerksamkeitsleistung (SMD 0.27). In den acht Studien mit Sham-Vergleich liess sich allerdings kein signifikanter gepoolter Effekt nachweisen. Beides gehört zusammen genannt – das erste ohne das zweite wäre unvollständig.

HRV-Biofeedback bei Stress und Anspannung

Für HRV-Biofeedback fand eine Metaanalyse (24 Studien) eine deutliche Abnahme von selbstberichtetem Stress und Angst, auch wenn mehr gut kontrollierte Studien nötig sind (Goessl et al. 2017); als am besten gestützter möglicher Wirkmechanismus gilt eine Stärkung des Baroreflexes (Lehrer und Gevirtz 2014). 2025 sind dazu randomisierte Studien in JAMA Psychiatry (Substanzgebrauchsstörung: weniger negative Gefühle und Craving; Eddie et al. 2025) und JAMA Network Open (Pilotstudie bei koronarer Herzkrankheit unter mentalem Stress; Shah et al. 2025) erschienen – beide noch klein bzw. in Phase 2. Deshalb kombinieren wir in der Praxis beides – und beginnen bei Stressthemen oft mit dem Körper statt mit dem Gehirn.

Die Dosis könnte eine Rolle spielen

Eine Metaanalyse von 2025 (17 randomisierte Studien, 939 Kinder mit ADHS) fand signifikante Verbesserungen von Inhibitionskontrolle und Arbeitsgedächtnis nur in Studien mit mehr als 1260 Minuten (rund 21 Stunden) Training, nicht darunter; in dieser Untergruppe gab es allerdings Hinweise auf Publikationsbias (Zhong et al. 2025). 6–12 Monate nach Trainingsende war der Effekt auf das Arbeitsgedächtnis noch nachweisbar, bei der Inhibitionskontrolle nur grenzwertig. Das deckt sich mit unserer Praxiserfahrung und ist der Grund, warum wir von Einzelsitzungen abraten und von Beginn an eine Serie empfehlen.

Wo die Evidenz dünn oder umstritten ist

ADHS

Die frühe Metaanalyse von Arns und Kollegen (2009) fand deutliche Verbesserungen bei Unaufmerksamkeit und Impulsivität und wird bis heute viel zitiert. Sie stammt allerdings aus der Zeit vor den grossen verblindeten Studien: Unaufmerksamkeit und Hyperaktivität wurden über Fragebögen erfasst, überwiegend Elternurteile, Impulsivität über Fehler in Computertests; die beiden damals vorliegenden doppelblinden Studien waren unveröffentlicht (nur Kongressbeiträge) und konnten mangels Mittelwerten und Standardabweichungen nicht einbezogen werden.

Wie gross dieses Problem ist, zeigt eine neuere Auswertung (Chiu et al. 2022): In einer ADHS-Metaanalyse zur Aufmerksamkeitsleistung in Labortests waren nur zwei von vierzehn eingeschlossenen Studien teilnehmerverblindet, die Vergleichsgruppen reichten von Warteliste bis Medikation, und es fanden sich deutliche Hinweise auf Publikationsbias. In den beiden teilnehmerverblindeten Studien war der Effekt praktisch null (Hedges’ g 0.05).

Den nüchternsten Befund lieferte die bis dahin grösste präregistrierte, doppelblinde Sham-kontrollierte Studie zu fMRT-Neurofeedback bei ADHS (Lam et al. 2022; 88 Jungen, vier einstündige Sitzungen): Zwischen aktiver und Sham-Gruppe zeigte sich kein signifikanter Unterschied in der ADHS-Skala. Beide Gruppen verbesserten sich ähnlich, ein Transfer des Gelernten liess sich nicht nachweisen. Relevante Nebenwirkungen traten in keiner Gruppe auf.

Depression

Die Metaanalyse von Fernández-Alvarez und Kollegen (2022) untersuchte Bio- und Neurofeedback gemeinsam und fand eine Verringerung depressiver Symptome. Drei Einschränkungen gehören dazu: Die Autoren sprechen von einer Verringerung selbstberichteter Depressivität, HRV-Biofeedback sowie EEG- und fMRT-Neurofeedback wurden gemeinsam ausgewertet (ein Unterschied zwischen HRV-Biofeedback und Neurofeedback liess sich nicht nachweisen), und die Autoren halten fest, dass Sham-Bedingungen helfen würden, den spezifischen Anteil der aktiven Komponenten genauer zu bestimmen.

Posttraumatische Belastungsstörung

Hier ist die Datenlage dünn. Der oft zitierte Übersichtsartikel von Reiter und Kollegen (2016) schloss fünf Studien ein; in dreien davon zeigte Neurofeedback einen statistisch signifikanten Effekt. Die Autoren stuften Neurofeedback als «wahrscheinlich wirksam» ein, verwiesen aber darauf, dass Unterschiede zwischen den Studien und mehrere Designprobleme die Aussagekraft einschränken – das ist ein Hinweis, kein Nachweis. Inzwischen liegt eine umfangreichere Metaanalyse (Voigt et al. 2024) mit 17 identifizierten Studien vor (628 Patientinnen und Patienten; 10 Studien flossen in die Metaanalyse ein). Gegenüber aktiven bzw. Sham-Kontrollen war der Effekt jedoch nicht signifikant, und die Arbeit wurde von einem Gerätehersteller finanziert, dessen medizinischer Leiter Mitautor ist.

PTBS gehört in psychotherapeutische Behandlung.

Kognitive Leistungssteigerung

Im Peak-Performance-Bereich wird häufig die Metaanalyse von Dudek und Dodell-Feder (2021) angeführt. Sie bezieht sich allerdings auf fMRT-Neurofeedback bei psychiatrischen Erkrankungen – also eine andere Methode und eine andere Zielgruppe als das EEG-Training in einer Praxis. Die Effekte auf die Hirnaktivität waren mittel bis gross, die Effekte auf Symptome klein und auf kognitive Leistungen nicht signifikant. Wer diese Arbeit als Beleg für Leistungssteigerung bei Gesunden anführt, überdehnt sie.

Woran die Forschung gerade arbeitet

  • Bessere Berichtsstandards: Mit der CRED-nf-Checkliste existiert seit 2020 ein Konsens darüber, wie Neurofeedback-Studien geplant und berichtet werden sollen (Ros et al. 2020). Neuere Arbeiten bewerten ältere Studien systematisch danach (zum Beispiel Tursic et al. 2020, Ribeiro et al. 2023, Voigt et al. 2024).
  • Dosis statt Protokoll-Streit: Die Hypothese, dass manche Negativbefunde auf zu kurze Trainingsserien zurückgehen, wird durch einzelne Subgruppenanalysen gestützt, ist aber nicht gesichert.
  • Bessere Kontrollbedingungen: Es gibt Hinweise, dass Sham-Feedback nicht wirkungslos ist: In kleinen Laborstudien aktivierte auch eine Schein-Rückmeldung, die nicht an das eigene Signal gekoppelt war, Hirnnetzwerke der kognitiven Kontrolle (Ninaus et al. 2013) und beeinflusste Motivation und empfundene Beanspruchung (Naas et al. 2025). Sham-Bedingungen sind damit keine völlig neutrale Kontrolle; welche Kontrollbedingung passt, hängt von der Fragestellung ab (Sorger et al. 2019).

Was das für dich als Klientin oder Klient bedeutet

Die ehrliche Zusammenfassung lautet: Menschen verbessern sich in Neurofeedback-Studien messbar – aber ob das am trainierten Hirnsignal liegt oder an Struktur, Wiederholung, Selbstbeobachtung und Begleitung, ist wissenschaftlich nicht geklärt.

Für dich ändert das an der Erfahrung wenig – eine Verbesserung ist eine Verbesserung. Ob und wie sich dein Verlauf entwickelt, können wir allerdings nicht vorhersagen. Für uns ändert es die Arbeitsweise:

  • Wir machen keine Heilversprechen und stellen keine Diagnosen.
  • Wir messen deinen Verlauf und legen ihn dir nach jeder Sitzung offen – auch dann, wenn er flach bleibt.
  • Wir ziehen nach etwa fünf Sitzungen gemeinsam Bilanz und sprechen es an, wenn sich nichts bewegt.
  • Wir raten ab, wenn ein anderes Verfahren besser passt.

Setze eine verordnete Medikation nie eigenmächtig ab und verschiebe keine notwendige Behandlung, um stattdessen Neurofeedback oder Biofeedback zu machen. Besprich es bei einer bestehenden Diagnose bitte vorher mit deiner behandelnden Fachperson.

Quellen

  1. Van Doren J, Arns M, Heinrich H, Vollebregt MA, Strehl U, Loo SK (2019): Sustained effects of neurofeedback in ADHD: a systematic review and meta-analysis. European Child & Adolescent Psychiatry 28(3), 293–305. doi:10.1007/s00787-018-1121-4 PMID 29445867
  2. Kimura I, Noyama H, Onagawa R, Takemi M, Osu R, Kawahara JI (2024): Efficacy of neurofeedback training for improving attentional performance in healthy adults: A systematic review and meta-analysis. Imaging Neuroscience 2, imag-2-00053. doi:10.1162/imag_a_00053 PMID 40800414
  3. Goessl VC, Curtiss JE, Hofmann SG (2017): The effect of heart rate variability biofeedback training on stress and anxiety: a meta-analysis. Psychological Medicine 47(15), 2578–2586. doi:10.1017/S0033291717001003 PMID 28478782
  4. Lehrer PM, Gevirtz R (2014): Heart rate variability biofeedback: how and why does it work? Frontiers in Psychology 5, 756. doi:10.3389/fpsyg.2014.00756 PMID 25101026
  5. Eddie D, Nguyen M, Zeng K, Mei S, Emery N (2025): Heart Rate Variability Biofeedback for Substance Use Disorder: A Randomized Clinical Trial. JAMA Psychiatry 82(12), 1177–1185. doi:10.1001/jamapsychiatry.2025.2700 PMID 41032322
  6. Shah AJ, Raggi P, She H, Quyyumi AA, Levantsevych O, Johnson M, Schmidt K, Garcia E, Piccinelli M, Abdulbaki R, Abdelhadi N, Kaseer B, Ginsberg JP, Vaccarino V, Bremner JD (2025): Heart Rate Variability Biofeedback and Mental Stress Myocardial Flow Reserve: A Randomized Clinical Trial. JAMA Network Open 8(10), e2538416. doi:10.1001/jamanetworkopen.2025.38416 PMID 41118163
  7. Zhong X, Yuan X, Dai Y, Zhang X, Jiang C (2025): Neurofeedback training for executive function in ADHD children: a systematic review and meta-analysis. Scientific Reports 15(1), 28148. doi:10.1038/s41598-025-94242-4 PMID 40750997
  8. Arns M, de Ridder S, Strehl U, Breteler M, Coenen A (2009): Efficacy of neurofeedback treatment in ADHD: the effects on inattention, impulsivity and hyperactivity: a meta-analysis. Clinical EEG and Neuroscience 40(3), 180–189. doi:10.1177/155005940904000311 PMID 19715181
  9. Chiu HJ, Sun CK, Fan HY, Tzang RF, Wang MY, Cheng YC, Cheng YS, Yeh PY, Chung W (2022): Surface electroencephalographic neurofeedback improves sustained attention in ADHD: a meta-analysis of randomized controlled trials. Child and Adolescent Psychiatry and Mental Health 16(1), 104. doi:10.1186/s13034-022-00543-1 PMID 36536438
  10. Lam SL, Criaud M, Lukito S, Westwood SJ, Agbedjro D, Kowalczyk OS, Curran S, Barret N, Abbott C, Liang H, Simonoff E, Barker GJ, Giampietro V, Rubia K (2022): Double-Blind, Sham-Controlled Randomized Trial Testing the Efficacy of fMRI Neurofeedback on Clinical and Cognitive Measures in Children With ADHD. The American Journal of Psychiatry 179(12), 947–958. Studienregistrierung ISRCTN14491589. doi:10.1176/appi.ajp.21100999 PMID 36349428
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  12. Reiter K, Andersen SB, Carlsson J (2016): Neurofeedback Treatment and Posttraumatic Stress Disorder: Effectiveness of Neurofeedback on Posttraumatic Stress Disorder and the Optimal Choice of Protocol. The Journal of Nervous and Mental Disease 204(2), 69–77. doi:10.1097/NMD.0000000000000418 PMID 26825263
  13. Voigt JD, Mosier M, Tendler A (2024): Systematic review and meta-analysis of neurofeedback and its effect on posttraumatic stress disorder. Frontiers in Psychiatry 15, 1323485. Finanziert von GrayMatters Health (Angabe im Artikel). Mitautor Aron Tendler wurde laut Pressemitteilung von GrayMatters Health vom 26. September 2023 zum Chief Medical Officer des Unternehmens ernannt. doi:10.3389/fpsyt.2024.1323485 PMID 38577405
  14. Dudek E, Dodell-Feder D (2021): The efficacy of real-time functional magnetic resonance imaging neurofeedback for psychiatric illness: A meta-analysis of brain and behavioral outcomes. Neuroscience and Biobehavioral Reviews 121, 291–306. doi:10.1016/j.neubiorev.2020.12.020 PMID 33370575
  15. Ros T, Enriquez-Geppert S, Zotev V, Young KD, Wood G, Whitfield-Gabrieli S, et al. (2020): Consensus on the reporting and experimental design of clinical and cognitive-behavioural neurofeedback studies (CRED-nf checklist). Brain 143(6), 1674–1685. doi:10.1093/brain/awaa009 PMID 32176800
  16. Tursic A, Eck J, Lührs M, Linden DEJ, Goebel R (2020): A systematic review of fMRI neurofeedback reporting and effects in clinical populations. NeuroImage: Clinical 28, 102496. doi:10.1016/j.nicl.2020.102496 PMID 33395987
  17. Ribeiro TF, Carriello MA, de Paula EP Jr, Garcia AC, da Rocha GL, Teive HAG (2023): Clinical applications of neurofeedback based on sensorimotor rhythm: a systematic review and meta-analysis. Frontiers in Neuroscience 17, 1195066. doi:10.3389/fnins.2023.1195066 PMID 38053609
  18. Ninaus M, Kober SE, Witte M, Koschutnig K, Stangl M, Neuper C, Wood G (2013): Neural substrates of cognitive control under the belief of getting neurofeedback training. Frontiers in Human Neuroscience 7, 914. doi:10.3389/fnhum.2013.00914 PMID 24421765
  19. Naas A, Rohrbach S, Shabestari PS, Neff P, Sonderegger A (2025): Aesthetics, illusion of success and age interactions: disentangling effects in the closed-loop design with sham neurofeedback training. Frontiers in Human Neuroscience 19, 1678940. doi:10.3389/fnhum.2025.1678940 PMID 41323343
  20. Sorger B, Scharnowski F, Linden DEJ, Hampson M, Young KD (2019): Control freaks: Towards optimal selection of control conditions for fMRI neurofeedback studies. NeuroImage 186, 256–265. doi:10.1016/j.neuroimage.2018.11.004 PMID 30423429

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